18.11.11

Fahrbericht - Der neue Land Rover Defender 2012

Fahrbericht von Peter Schwerdtmann vom 6. November 2011

Nur die Harten kommen in den Garten und die ganz Harten fahren Land Rover Defender. Nicht, dass ich etwa dazu zählte, aber von einigen kurzen Begegnungen abgesehen, hatte ich jetzt einmal Gelegenheit, halb Schottland mit einem Defender des Modelljahrgangs 2012 umzupflügen – bei Tag und bei Nacht, erfolgreich und von der Winde aus dem Dreck gezogen.


Mir lag sehr an der Begegnung mit dem alten Herren, schließlich ist unser Baujahr fast identisch. Er erblickte 1948 das Licht der Autowelt, ich 1947 eine kalte Winterwelt. Unsere erste Bekanntschaft hatten wir nur wenige Jahre später. Wenn ich seine laut brüllenden Geländereifen hörte, lief ich an die Straße, um meine erste englische Vokabel lauthals anzuwenden: „Chewing gum, chewing gum!“ So grüßten wir Jungs in der britisch besetzten Zone die Defender-Fahrer.


Die britischen und die Soldaten anderer Nationen leben auch heute noch mit dem alten Herren, allerdings in aufgefrischter Technik, aber in alter Optik. Im kommenden Jahr wird der zweimillionste Defender vom Band laufen, vermutlich werden die wenigsten davon im militärischen Outfit daherkommen. Längst haben Landwirte, Rettungsorganisationen und andere, die einen Weg finden müssen, wo es keinen gibt, den Land Rover Defender entdeckt.

Inzwischen stellt sich sogar die Frage, ob nicht sogar die Privatfahrer die Oberhand gewonnen haben. Schließlich laufen zwei Drittel aller jemals gebauten Defender heute noch, die alten vermutlich in den Händen von Sammlern. Es sind aber nicht nur die Oldtimer-Freunde, die sich zum knorrigen, kantigen und gänzlich unschönen Land Rover hingezogen fühlen. Die Gemeinde der unerschütterlichen Defender-Gläubigen scheint sogar noch zu wachsen.

Nach ein paar Meilen durch schottische Wälder, Matschlöcher, Bäche und tiefe Wiesen, wird uns langsam klar, wo diese irrationale Begeisterung ihren Ursprung hat. Hier wird Autofahren noch von Hand gemacht, am liebsten in einem Defender mit Rechtslenkung, den Schaltknüppel links. Um den ersten Gang einzulegen, braucht man lange Arme, viel Kraft und auch ein bisschen Glück, um die weit auseinander liegenden Schaltgassen zu treffen und den langen Schaltweg in angemessener Zeit zurückzulegen. Auch der Umgang mit der Geländeuntersetzung und den Sperren verlangt manchmal Geduld.

Hat’s geklappt, wundert man sich, dass dies in einem ganz modernen Rundinstrumente im eckigen Armaturenbrett angezeigt wird. Soviel moderne Technik vermutet man gar nicht unter dem altbackenen und altbekannten Blech. Ist alles geregelt, sind Gang und Sperren eingelegt, kann kommen, was will. Mein Beifahrer und ich ließen uns von ihm durch so tiefes Wasser tauchen, dass die Scheinwerfer verschwunden waren; wir kletterten über Baumstämme, schafften Steigungen und Gefällen, dass einem angst und bange hätte werden können. Doch wir fassten zu diesem scheinbar aus der Vergangenheit stammendem Kletterer rasch Zutrauen.


Nur bei einer tief verschlammten 30-Grad-Steigung, vor der wir eine enge Kurve schaffen mussten, verließ er uns, weil wir ohne Schwung in den Hang hineinkamen. Ein Schelm, der sich bei dieser Streckenführung Böses dachte. So waren wir gezwungen, die Winde auszuprobieren. Nach der nächtlichen Runde durch den schottischen Urwald pfiff ich die Melodie zu Friedrich Schillers Landsknechts-Lied:

„Frischauf Kameraden aufs Pferd, aufs Pferd,
in das Feld, in die Freiheit gezogen;
im Felde, da ist der Mann noch was wert,
da wird das Herz noch gewogen;
da tritt kein anderer für ihn ein,
auf sich selber steht er da ganz allein.“

Als wenn Schiller den Defender schon gekannt hätte. Kann aber wohl nicht sein; denn das Wort Defender passt nicht ins Versmaß. Dafür kannte er schon die Motivation der großen Jungs, die aufs oder ins Feld müssen und schrieb Ihnen eine Hymne.


Muss man da noch ein paar technische Fakten hinzufügen oder stören die nur bei dieser Ode an die Freude des Geländewagenfahrens? Machen wir es kurz. Der Defender des Modelljahres 2012 hat einen Dieselpartikelfilter bekommen, der so hoch im Motorraum sitzt, dass die Wattiefe von 50 Zentimetern nicht beeinträchtigt wird. Der neue Motor ist der alte, reduziert von 2,4 Liter auf 2,2 Liter Hubraum, bei gleicher Leistung und gleichem Drehmoment. Der Defender geht jetzt als Euro-5-Fahrzeug durch, allerdings nur nach den Abgasvorschriften für Nutzfahrzeuge, weswegen er nicht mehr als Personenwagen, sondern als leichtes Nutzfahrzeug zugelassen wird. Zum Trost darf er jetzt schneller fahren, statt 132 km/h nun 145 km/h, der geänderten Reifen wegen.


Sonst bleibt im Wesentlichen alles beim Alten. Alles andere würde auch zu Protesten führen. Wie man hört, soll das bis 2015 so bleiben. Dann könnte ein Nachfolger anstehen. Auf der IAA im September zeigte Land Rover ja die Studie DC100 von der man sagt, sie komme dem Nachfolger nahe. Wenn dem so ist, werde ich dem alten Defender eine Träne nachweinen. Aber ganz ehrlich: Ich persönlich fahre lieber mit dem Discovery und der neuen Acht-Gang-Automatik von ZF ins Gelände. Ich bin eben ein Weichei, wahrscheinlich wegen zu wenig Chewing gum.

Daten Land Rover Defender 110 Station Wagon S-Ausstattung

Länge x Breite x Höhe (in m): 5,15 x 1,79 x 2,10 (mit Dachreling)
Motor: Vier-Zylinder-Diesel, 2198 ccm,
Leistung: 90 kW / 122 PS bei 3500 U/min
Maximales Drehmoment: 360 Nm bei 2000 U/min
Verbrauch (Schnitt nach EU-Norm): 11,1 Liter/100 km
Kohlendioxidemission: 295 g/km (Euro 5 für Leicht-Nfz)
Beschleunigung 0 auf 100 km/h: 17 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit: 145 km/h
Leergewicht / Zuladung: 1858 kg / 1642 kg
Maximale Anhängelast: 3500 kg
Räder / Reifen: 6,5Jx16 (Stahl) /235/85R16
Mindestbodenfreiheit: 341 mm
Maximale Steigfähigkeit: 45 Grad
Maximaler Böschungswinkel (vorn / hinten): 49 Grad / 35 Grad
Maximaler Rampenwinkel: 25 Grad
Wendekreis: 15,1 Meter
Basispreis: 34 030 Euro



Fotos: Auto-Medienportal.Net/Land Rover
Text: Auto-Medienportal.Net/ampnet/Sm